Aktion Produktrecht

Betrachten wir unseren Besitz, dann wird klar, dass wir einige Dinge mehr lagern als nutzen. Aus dieser Beobachtung ist die Aktion Produktrecht entstanden. Diese begreift sich als Interessenvertretung für Produkte mit der These: Produkte haben ein Recht auf Nutzung!
Entstanden sind durch den Perspektivwechsel von ‚Mensch fordert Produkt’ hin zu ‚Produkt fordert Mensch’ verschiedene Produkte, die sich an das Konzept der Pleasurable Troublemaker (Laschke 2014 [1]) anlehnen und die sich, der Akteur-Netzwerk-Theorie von Bruno Latour (2010 [2]) folgend, als Akteure mit Handlungsmacht in einem Netzwerk begreifen.

Normen der Raumnutzung und -strukturierung werden zur Debatte gestellt. Heterotopische Gedanken werden erprobt. Wie sähen unsere Wohnräume aus, wenn Produkte ihr Recht auf Nutzung einforderten? Diese Fragestellung soll helfen, durch einen neuen Blickwinkel auf unseren Besitz nachhaltigere Konsummuster zu etablieren.

Was passiert mit unserem Besitz, wenn wir ihn quantifizieren? Um dieser Frage spielerisch nachzugehen, wurde das Spiel Besitzquartett entwickelt. Jede Spielkarte enthält die folgenden Kategorien: Jacken, Schuhe, Tassen, Bücher, Spiele und einen Bonus. Vor Spielbeginn einigen sich die Teilnehmenden, ob viel oder wenig Besitz ‚sticht‘. Dem Spiel liegt die Einheit Produktmeter zugrunde. Wer alle seine Schuhe nebeneinander stellt und die Länge der Schuhreihe misst, erhält seinen*ihren Wert für Schuh-Produktmeter. Das Besitzquartett wurde aus Fragebögen generiert und kann – durch Ausfüllen des Fragebogens – um eigene Karten erweitert werden. So kommt man mit den Spielenden und sich in eine Reflexion über Besitz.

Mit der Quantifizierung des Besitzes kommt es zur Frage, ob es für bestimmte Dinge ein Minimum und ein Maximum an Besitz geben sollte. Während durchschnittliche Europäer*innen sich um das Minimum seit einigen Jahrzehnten kaum noch zu sorgen brauchen, steigt der Lagerbedarf für Dinge mancherorts unvernünftig stark an. Wann ist Besitz nicht mehr Bereicherung, sondern wird zur Belastung, und wie können wir unseren Besitz so dimensionieren, dass er Bereicherung bleibt? An dem Beispiel eines Gewürzregals lässt sich diese Frage anschaulich diskutieren.

Manch ein Gewürz scheint dazu verdammt zu sein, in der letzten Reihe des Schrankes bis zur Geschmacklosigkeit auszuharren, während die frischen Gewürze der ersten Reihe sich mit den älteren womöglich schon verdoppelt haben. Abhilfe könnte ein maßhaltiges Gewürzregal schaffen: als Rahmen, der die für Gewürze verfügbare Fläche auf ¼ m2 beschränkt. Die Tiefe ist so gering, dass kein Gewürz in zweiter Reihe stehen kann. Gefüllt bietet das Regal eine reichhaltige Gewürzpalette, die nicht ausufert. Wer in das bereits volle Regal ein neues Gewürz aufnehmen will, muss ein vorhandenes zuvor aufbrauchen. Unter die schleichende Besitzvermehrung ist an dieser Stelle somit ein Schlussstrich gezogen.

Das wirft die Frage auf, ob es nicht das größere Geschenk ist, jemandem einen Gegenstand zu entlocken als ihn mit einem neuen zu beschenken?

Das Paket Etwas mehr Nichts bietet sich für diejenigen an, die einerseits zu einer Einladung nicht mit leeren Händen kommen wollen und sich andererseits vor Geschenken fürchten, die am Ende niemand nutzt. Das Paket ist leer und vorfrankiert. Enthalten ist nur die Aufforderung an die Beschenkten, einen nicht mehr genutzten Gegenstand weiterzugeben. Es nimmt den Beschenkten somit etwas ab – für einen karitativen Zweck – anstatt sie mit Neuem zu belasten.

Zusätzlich zu diesen etwas renitenten und vorwiegend demonstrierenden Produkten sollte die Aktion Produktrecht um ein Produkt erweitert werden, das weniger bissig auftritt und übliche Nutzungsversprechen stärker bedient. Elektronische Geräte sind in unseren Haushalten zahlreich vorhanden. Wir genießen es, sie bei Bedarf zur Hand zu haben, nutzen einige davon aber nur selten. Geräte wie Akkuschrauber, Stabmixer, oder Handrührgerät unterstützen uns technisch betrachtet auf die gleiche Weise – mit einer Drehbewegung. Diese Geräte wiederholen in ihrem Aufbau ein Muster: Stromquelle, Steuerung, Motor, Getriebe, Werkzeug.

Indem sich verschiedene Produkttypologien die gleichen Komponenten teilen, spart das Drehgerät Vinson Bauteile und somit Ressourcen ein. Das Basiselement ist ein Griff, der sich in vielfältigen Anwendungen angenehm greifen lässt. Setzt man den Griff – in dem die benötigten Schalter enthalten sind – mit Akku, Motor und einem von zwei Getrieben zusammen, wird daraus eine Antriebs-, Griff- und Steuerungseinheit, die zahlreiche Werkzeuge elektrisch antreiben kann. Niemand wird versuchen, Vinson auf eine wackelige Fläche zu stellen, von der er kippen könnte: Die runden Enden an Akku und Griff geben ein sicheres Ablegen vor, bei dem die Werkzeugspitze immer etwas in die Luft ragt. So wird keine Fläche zerkratzt und kein Staubkorn zu viel von und an den Aufsätzen gelassen. Durch den offen sichtbaren Aufbau des Gerätes wächst das Verständnis für die Funktionsweise, Reparaturen sind einfach möglich und es eröffnet Nutzer*innen die Perspektive, neue Aufsätze und Anwendungen zu gestalten. Vinson ist im gesamten Haushalt verortet; sein Design will Raum- und Rollenbilder hinter sich lassen. Herkömmliche Drehgeräte sind in ihrer Erscheinung deutlich Räumlichkeiten zugeordnet und unterstreichen mitunter Geschlechterstereotype. Wird Vinson dazu breitragen, dass die vermeintliche Männlichkeit des Hobbykellers sich mit der angeblichen Weiblichkeit der Küche zu einer geschlechtsunabhängigen Gleichberechtigung im gesamten Wohnraum vermengen kann? Warum sollten Schrauben mit einem Akkuschrauber eingedreht werden, der aggressiv wie ein hungriger Hai wirkt? Müssen Kräuter mit einem weich geformten Stabmixer gehäckselt werden? Die Gestaltung von Vinson fügt sich zurückhaltend in das Wohnumfeld ein.

So wie das Telefon den Flur verließ, als man ihm das Kabel nahm, wird Vinson seine Nutzer*innen in die Freiheit der Wohnung entlassen – ein Gerät, das seine Komponenten für viele Anwendungen verfügbar macht und so Komfort, Nutzen und Nachhaltigkeit in Einklang bringt. [3]


[1] Laschke, Matthias (2014): Der Einwand der Dinge - Pleasurable Troublemakers.(https://static1.squarespace.com/static/52722face4b02a66778dc9d0/t/55683980e4b0b64f96c5ed0e/1432893824054/Dissertation_Laschke_einzel.pdf,& abgerufen am 17.12. 2018)

[2] Latour, Bruno (2010): Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[3] Die Aktion Produktrecht wurde von Marc Hassenzahl, Claudius Lazzeroni, Christa Liedtke, Stefan Neudecker, Carolin Schreiber und Alan N. Shapiro begleitet. Die Abschlussarbeit, in der Vinson entstanden ist, wurde von Stefan Neudecker und Dustin Jessen betreut.